Internationale Kunst – Schweizer Licht

Die Architekturwelt blickt nach Venedig. Dort findet seit Ende Mai während sechs Monaten die internationale Architekturbiennale statt. Neuco zeichnet verantwortlich für das Lichtkonzept des Schweizer Pavillons – ein unkonventioneller, effektvoller Raum von Architekt Christian Kerez.

Seit mittlerweile 36 Jahren findet die Architekturbiennale in Venedig statt und präsentiert jeweils eine Vielzahl faszinierender architektonischer Beiträge aus aller Welt. Seit 2012 ist die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für die Schweizer Beiträge zuständig. 2016, in ihrer 15. Ausgabe, steht die Hauptausstellung der Biennale unter dem Titel «Reporting from the Front». Direkt «an der Front» war erstmals auch Neuco im Einsatz. Denn im Dezember 2015 wurde das Unternehmen von der zuständigen Kuratorin und Kunsthistorikerin Sandra Oehy angefragt, die Lichtidee für den Schweizer Pavillon – realisiert vom Architekturbüro Christian Kerez Zürich AG – zu entwickeln. «Sandra Oehy kannte uns aufgrund einer früheren Zusammenarbeit », erinnert sich Thomas Lack, Leiter Lichtanwendung bei Neuco. «Nach ersten Vorgesprächen und Abklärungen fiel im Februar 2016 die finale Entscheidung und somit der Startschuss zu unserem ersten Projekt für die Architekturbiennale.»

Innovation 3D-Druck
Unter dem Titel «Incidental Space» hatte Architekt Christian Kerez einen einzigartigen Raum für den Schweizer Pavillon kreiert, der mittels hochkomplexer Verfahren umgesetzt wurde. Eine Nachbildung des Raumes im Kleinformat wurde 3D-gescannt – anschliessend fertigte man mittels 3D-Druck eine Negativform in der eigentlichen Grösse. Vor Ort erstellte man schliesslich den eigentlichen begehbaren Raum mit rund fünf Metern Höhe und neun Metern Länge.

Die experimentelle Arbeit war mein persönliches Highlight.

Weichheit statt Dramatik
Dass dieser den architektonischen Bauten und Strukturen, die Neuco für gewöhnlich beleuchtet, in keinster Weise ähnelt, wird auf den ersten Blick deutlich. Umso spannender war der Weg, der zur entsprechenden Lichtlösung führte. Diverse Gespräche und Illustrationen bildeten die Basis für das Lichtkonzept, das Thomas Lack gemeinsam mit Christian Kerez und Sandra Oehy entwickelte. «Ziel war es, mit einem LED-Darklight-Downlight an der Decke eine angenehme Grundhelligkeit zu schaffen. In einem so unregelmässig geformten Raum entstehen dadurch aber unweigerlich Schlagschatten. Diese galt es nun mit mehreren kleinen kardanisch gelagerten LEDLeuchten aufzuheben», erläutert Thomas Lack. «Und zwar so, dass die Leuchten selbst für den Betrachter im Raum unsichtbar bleiben.» Eine ganz gezielte Platzierung jedes Lichtpunkts war darum essenziell. Bei der Ausarbeitung dieser Konzeption nahm der Mock-up im Neuco-Hauptsitz in Zürich einmal mehr eine tragende Rolle ein. Hier konnte Thomas Lack gemeinsam mit der Kuratorin Sandra Oehy sowie Architekt Christian Kerez und dessen Team seine Lichtidee in detailgetreuen 3D-Modellen inszenieren und Schritt für Schritt experimentell verfeinern. Das Ergebnis: eine weiche, betont undramatische Lichtstimmung durch scheinbar unsichtbare Lichtwerkzeuge.

Experimenteller Ansatz als Bereicherung
Zwei Wochen vor der Eröffnung der Architekturbiennale 2016 wurden die Leuchten bei Neuco abgeholt und vom Montageteam im Raum installiert. Um optimal auf die spezifischen Lichtverhältnisse vor Ort eingehen zu können, hatte man die LED-Leuchten zuvor mit speziellen Magnet-Filterhaltern ausgestattet. So konnten im «Finish » ganz einfach sogenannte Lichtreduktionsfolien und Konversionsfolien auf den Spots angebracht werden, um sie exakt auf die erforderliche Lichtstärke und Farbtemperatur zu trimmen und zu dämpfen.

Räume mit gesellschaftlichem Bezug
Der krönende Abschluss war schliesslich die feierliche Eröffnung des Schweizer Pavillons am 27. Mai 2016 in Venedig – in Anwesenheit von Bundesrat Alain Berset, der Kuratorin Sandra Oehy und des Architekten Christian Kerez. An vielen Ausstellungsstandorten und in diversen Pavillons der diesjährigen Biennale wird die wachsende Bevölkerungsdichte als überlagerndes Thema behandelt. Die daraus resultierenden Herausforderungen bezüglich bezahlbarem Wohnraum werden ebenso beleuchtet wie die Frage nach einem ökologisch sinnvollen Umfeld in den Megacitys dieser Welt. Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf dem Schaffen von Wohn- und Versammlungsräumen in jenen Ländern, in denen keine Hightech-Bautechnologien zur Verfügung stehen, sondern auf traditionelles Handwerk zurückgegriffen werden muss.

Beachtliches Gesamtwerk
Viele Exponate, teils sogar im Massstab 1:1 aufgebaut, zeigen unterschiedliche Lösungsvorschläge für die erwähnten Problematiken auf. Sie basieren ausnahmslos auf gewohnten geometrischen Formen, die mit feinen Strukturen und verbesserten Verbundmaterialien kombiniert werden. Der Raum von Christian Kerez hingegen hebt sich ab – er ist bezüglich Freiformarchitektur, Krafteinleitung in den Boden und Materialaufwand absolut einzigartig an der diesjährigen Biennale. Kaum betritt man den Raum durch die Eintrittsöffnung, blendet man die Aussenwelt ganz automatisch aus. Der Raum verfügt über beachtliche Ausdehnungen, Überhänge, Auskragungen und Öffnungen und wurde mit nur ca. 25 Millimeter Betonstärke realisiert. Das gesamte Gebilde ruht auf einer minimalen Holzlamellenkonstruktion, die nur vertikalen Druck, also keinerlei seitliche Kräfte, aufnehmen muss. Ein guter Grund für die Schweiz, stolz zu sein auf ihren Pavillon. Und natürlich ist auch Neuco stolz auf dieses Projekt. «Es war eine grosse Ehre, an einem so renommierten Anlass mitwirken zu dürfen. Mein persönliches Highlight war jedoch die experimentelle Vorarbeit. Sie hat uns weitergebracht und neue Perspektiven aufgezeigt.»

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