Ganz. Schön. Clever.

Ich habe mich heute besonders hübsch gemacht. Denn sie ist es schon. Ich komme zur Tür herein. Sie kramt in ihrer Tasche, das Handy am Ohr und einen Kaffee in der Hand. Ich solle mich schon mal setzen, während sie noch ein, zwei Dinge schnell erledigt. Gut gelaunt setzt sich Nadja Schildknecht dann mir gegenüber an den Tisch. Ich will gerade meine erste Frage stellen, da legt sie auch schon los…

Was macht Ihr Unternehmen – Lichtgestaltung?

Ja, das ist richtig.

Licht ist mir sehr wichtig – vielleicht hört sich das seltsam an. Aber ich sehe immer schnell, ob die Lichtverhältnisse stimmen. Privat bauen wir gerade unser Haus um. Die Beleuchtung ist ein zentrales Element. Licht erzeugt Gemütlichkeit und Behaglichkeit. Dabei achte ich auf jedes Detail und kann sehr pingelig sein.

Die Handwerker haben es wohl nicht einfach mit Ihnen …

Ich habe schon meine Vorstellungen, das ist richtig. Von mir kommen aber auch viele Komplimente, wenn ich zufrieden bin. Das finde ich wichtig. Grundsätzlich pflege ich mit unserem Bauleiter vom Atelier Rosinus und den Leuten auf dem Bau eine gute Zusammenarbeit. Der Umbau macht mir Freude und das zeige ich auch. Motivierte Leute arbeiten ja bekanntlich besser (lacht).

Frau Schildknecht, Sie lieben also Licht. Auch das Rampenlicht?

Es ist mir nicht wichtig, in der Öffentlichkeit zu stehen. In meinem Leben hat sich das einfach so ergeben. Es macht mir Freude, vor vielen Leuten zu sprechen oder Sitzungen mit vielen Teilnehmern zu leiten. Dennoch ist mir die grosse Bühne im Kinosaal eher unangenehm. Lieber halte ich im Hintergrund die Fäden in der Hand.

Und das tun Sie seit nunmehr zwölf Jahren. Sie waren sehr jung, als Sie das ZFF mitgegründet haben.

Ja, aber auch damals mit 30 Jahren war ich schon lange selbstständig und auf mich allein gestellt.

Es gibt vieles, wofür ich mich begeistern kann.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Filmfestival zu gründen?

Ich hatte Lust auf eine berufliche Veränderung. Der Zufall wollte es, dass mein jetziger Geschäftspartner und guter Freund Karl Spoerri das «onedotzero», ein digitales Filmfestival in London, zu uns nach Zürich holte. Wir veranstalteten diesen Event gemeinsam und «funktionierten» als Team harmonisch und konstruktiv. Erfreulicherweise lief es von Anfang an sehr gut. Zürich hatte zu dieser Zeit die grösste Kinodichte Europas, daher sahen wir Potenzial für ein grösseres Filmfestival.

Die Schweiz ist im Vergleich zu anderen Ländern im Filmbereich ein kleiner Markt.

Haben Sie geahnt, welchen Erfolg Sie eines Tages feiern würden?

Ich glaube, wir wussten damals nicht wirklich, worauf wir uns einlassen. Aber eins war klar: Wir haben stets entschlossen und hart gearbeitet, damit es zu dem Festival wurde, das es heute ist. Natürlich mussten wir in den ersten Jahren viel lernen, schliesslich haben wir das Unternehmen von null an aufgebaut und stetig weiterentwickelt. Da gehört es einfach dazu, dass man Fehler macht.

Was haben Sie anders gemacht?

Der «Red Carpet» beispielsweise war sehr umstritten, weil es hier bei uns etwas Neues war. Ich wollte aber diesen Glamour-Effekt mit den Fotografen direkt am Eingang bewusst inszenieren. Anfangs wurde das noch belächelt. Dann haben wir den «Green Carpet» eingeführt und plötzlich haben die Leute ihre Vorbehalte verloren und diese Idee akzeptiert. Mit der Zeit konnten wir immer mehr nationale und internationale Filmstars für das ZFF begeistern. Ebenso die Politik und Wirtschaft. Es ist alles gewachsen.

Die schwierigen Umstände hatten auch Vorteile.

Was machen Sie besser als andere?

Zürich ist die ideale Networking-Plattform. Eine schöne, internationale Stadt und gleichzeitig ein Zentrum der Wirtschaft. Ausserdem feiern wir den Film leidenschaftlich. Deswegen wollten wir mehr Glamour in die Stadt bringen. Dazu gehört beispielsweise auch ein «Red Carpet». Vor zwölf Jahren kannte man dies in Zürich nicht wirklich. Wir wurden sogar belächelt. Als wir den Teppich grün gestalteten – um auf den Klimaschutz aufmerksam zu machen –, wurde er plötzlich akzeptiert. Angst und Hemmungen verschwanden. Heute ist er sogar richtig beliebt bei Besuchern wie Sponsoren. Tausende von Fotos werden auf Social-Media-Kanälen gepostet.

Fühlt es sich gut an, die Kritiker verstummen zu lassen?

Es ist ein gutes Gefühl, dass unsere Besucher Spass haben beim ZFF. Wir möchten Begegnungen ermöglichen und allen Filmfans unvergessliche Filmmomente bieten. Die 80 000 Besucher zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich bin dankbar und freue mich, dass viele Partner, Sponsoren, Donatoren und jetzt auch die öffentliche Hand an das Festival glauben. Es soll sich weiterentwickeln, auch wenn ich irgendwann einmal alt und grau aussehe und nicht mehr dabei bin (lacht). Ich geniesse es dann als Besucherin.

Noch sind Sie jung und gar nicht grau. Und schon ganz oben.

Was bedeutet schon ganz oben ... Wenn man aktiv im Unternehmen tätig ist, darf man nie denken, dass man es geschafft hat und sich zurücklehnen kann. Aber das ist generell nicht meine Art. Der Druck ist jedes Jahr hoch, somit sind wir alle im Unternehmen immer stark gefordert. Wir haben in den letzten zwölf Jahren einen soliden Sockel aufgebaut, die passende Statue wiederum wird jedes Jahr von Neuem errichtet. Die 140 ausgewählten Filmperlen für alle Filmfans, die über 500 Gäste aus dem Ausland – die alle durch uns über mehrere Tage betreut werden – und die Finanzierung mit über sieben Millionen Franken müssen Jahr für Jahr neu erarbeitet werden. Mein Geschäftspartner und ich haben zum Glück motivierte und engagierte Mitarbeiter, die stark mithelfen und die geforderten Ziele mit uns gemeinsam umsetzen. Dieses Jahr findet das Festival vom 22. September bis 2. Oktober statt, wir freuen uns auf jeden Besucher.

Stossen Sie nicht irgendwann an Grenzen?

Die Schweiz ist im Vergleich zu anderen Ländern im Filmbereich ein kleiner Markt. Dies macht es nicht einfacher. Wir müssen organisch wachsen. Es ist nicht entscheidend, dass man immer grösser und grösser wird. Wichtig ist, dass wir die Qualität halten und uns stetig verbessern können. Dieses Ziel streben wir jedes Jahr an.

Das ZFF will den Nachwuchs fördern. Ist das noch glaubwürdig mit einem grossen internationalen Ansehen?

Natürlich. Gerade der Nachwuchs braucht den Austausch mit den Kollegen aus der Branche, die es bereits geschafft haben. Auch die heute berühmten und erfolgreichen Persönlichkeiten haben mal klein angefangen. Sie können motivieren und mit wertvollen Tipps weiterhelfen. Der Nachwuchs ist eine Bereicherung. Diese Künstler ermöglichen oft eine moderne und neue Sicht auf die Branche. Die Kombination ist einfach perfekt. Denn ohne grosse Namen wären die Medien sicherlich nicht so stark vertreten. Und sie sind wichtig, nur so bleibt das Thema Film immer aktuell.

Das ZFF ist also ein Karrieresprungbrett …

Nicht alle Filme, die bei uns gezeigt werden, kommen danach automatisch ins Kinoprogramm. Dies entscheiden Schweizer Filmverleihe, die Filme kaufen und veröffentlichen. Aber unser Festivalpublikum hat schon oft mit seinen positiven Reaktionen dazu verholfen, dass Verleiher auf «unbekanntere» Filme aufmerksam geworden sind. Sonst hätten sie diese vermutlich nie entdeckt.

Von einer Drama-Queen bin ich weit entfernt.

Jüngst feierten «Heidi» und «Schellen-Ursli» grosse Erfolge – auch im Ausland. Ist der Schweizer Film heute besser als früher?

In jedem Land gibt es gute und schlechte Filmjahre. Es freut mich besonders, dass im Jahr 2015 die Schweiz einige starke Filme herausgeben konnte. «Heidi» und «Schellen-Ursli» sind ein Vergnügen für die gane Familie.

Viele machen noch nicht mal eine Karriere. Sie gleich mehrere – Managing Director, Unternehmerin, international gefragtes Model. Und dennoch reden Sie nicht gerne über Ihre Vergangenheit. Warum eigentlich nicht?

Für mich steht meine jetzige Tätigkeit im Zentrum. Die Zeit als Model war interessant und hat mich weitergebracht. Ich möchte sie auf keinen Fall missen und habe in diesen Jahren viel gelernt, von dem ich heute viel einsetzen kann. Wenn man als Model gearbeitet hat, wird man allerdings oft in eine Schublade gesteckt, die nicht korrekt und fair ist. Für einige Leute ist es angenehmer zu glauben, dass nicht ganz so hässliche Menschen automatisch dumm sein müssen. Dies finde ich anstrengend und schade. Es hat Jahre gebraucht, bis man mir für meine heutige Funktion den nötigen Respekt gezollt hat.

Sie sind eine vielbeschäftigte Frau. Was kommt zu kurz in Ihrem Leben?

Es gibt vieles, wofür ich mich begeistern kann. Aber alles kann man nicht machen. Oft stehe ich mitten in der Nacht auf, weil der Tag sonst nicht ausreicht für all das, was mich interessiert.

Sie wirken sehr zielstrebig und kontrolliert. Sind Sie auch mal eine Drama-Queen?

Ich bin zwar ein leidenschaftlicher Mensch – das spürt man sicherlich auch –, von einer Drama-Queen bin ich aber hoffentlich weit entfernt. Man muss fokussiert bleiben, das habe ich in den vielen Jahren meiner Selbstständigkeit gelernt. Probleme werden bei mir offen auf den Tisch gelegt und die Lösungen zusammen ausgearbeitet.

Also eine «toughe» Business-Frau?

Stellen Sie diese Frage auch einem Mann? Ich mache mein Business. Manchmal muss man «tough» sein. Es gibt aber auch viele Momente, bei denen das nötige Feingefühl gefragt ist.

Welchen Film schauen Sie sich als Nächstes im Kino an?

Das wird vermutlich ein Kinderfilm sein – zusammen mit meinem Sohn. Er liebt Filme genauso wie ich und hat mir vor Kurzem sogar gesagt, dass er bei der Filmauswahl fürs Festival mitreden möchte. Ich musste schmunzeln.

Darf ein Ex-Topmodel Popcorn essen?

Natürlich und sehr gerne. Aber wenn der Film losgeht, lege ich die Tüte auf die Seite. Ich mag es nicht, wenn rumgeknistert wird. Dies ist nicht gerade respektvoll für andere Besucher. Bei Kinderfilmen ist das sicher anders, da gehört das Rascheln einfach dazu (lacht).

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