Alphorn und High Heels

Die Sonne geht langsam unter. Noch herrschen angenehme 24 Grad. Eliana Burki steht mit ihrem Alphorn auf der Bühne – vor Regierungsvertretern. Immer mehr Menschen strömen heran, können aber nur einen Blick durch die Absperrungen erhaschen. Sie unterbricht und lässt die Zäune entfernen. Menschen aller Schichten lauschen friedlich und begeistert ihrer Musik. Diese Bühne stand in Aleppo, der syrischen Stadt, die heute in Schutt und Asche liegt.

Eliana, der Sommer kommt. Was bedeutet das für dich?

Ich bin ein absoluter Sommermensch. Wenn man sich umschaut, sieht man nur fröhliche und freundliche Gesichter. Man strotzt vor Energie für Neues. Alles ist in Bewegung, lebendig, dynamisch, positiv. Darum liebe ich auch Kalifornien so sehr und war gerade längere Zeit in Kapstadt. Ich finde, der Sommer hat eine einmalige Kraft. Wenn irgendwie möglich, versuche ich mindestens sechs Monate im Jahr an warmen, sonnigen Plätzen zu sein.

Ich wollte auf einer schönen Insel hinter der Bar stehen.

Es war in letzter Zeit etwas ruhiger um dich. Bist du in Kapstadt abgetaucht?

Man muss mir nur auf Social Media folgen und meinen Newsletter abonnieren (lacht). Dann erfährt man alles über mein Leben und meine Musik. Abgetaucht bin ich nicht, sondern habe intensiv an meiner neuen Platte gearbeitet. Im Fokus stehen «African Roots» – hierbei vermische ich die Alphornklänge und meinen Gesang mit traditionellen afrikanischen Sounds und Instrumenten wie Djembe, Malimba oder Majumbo. Es hat viele afrikanische Elemente und Gesänge, die ich mit lokalen Künstlern elektronisch interpretiert habe. Eine neue Platte ist schon ein langer Prozess, der zwei bis drei Jahre dauern kann. Gerade weil ich für meine Musik viel reise.

In den Medien bist du generell zurückhaltend. Will man gar nicht immer als Star gefeiert werden?

Die Bekanntheit ist schon wichtig für die Karriere. Der Name muss im Business bekannt sein, das ist einfach so. Mit «World Music» besetze ich aber ein Genre, in dem eine öffentliche Dauerpräsenz zum Glück nicht notwendig ist. Anders als in der Pop-Branche beispielsweise. Ich habe bewusst diesen Weg gewählt. Das Wichtigste ist, dass man authentisch ist und das tut, was einen glücklich macht.

Beschreibe dich doch mal persönlich. Wer bist du eigentlich?

Ich wusste immer, was ich wollte. Und war sehr impulsiv. Ich bin mit drei Schwestern aufgewachsen. Während sie im Ballett waren, habe ich Hip-Hop getanzt und Eishockey gespielt. Mit neun Jahren durfte ich auf einem Jodelfest mit meinem Alphorn auftreten. Das war das erste Mal. Ich weigerte mich aber, eine Tracht anzuziehen, entschied mich stattdessen für einen Minirock und spielte etwas Jazziges.

Die Liebe zum Alphorn begann bei dir schon mit fünf Jahren. Was faszinierte dich so?

Der Klang. Das hört sich jetzt vielleicht kitschig an, aber der Sound hat mich mitten ins Herz getroffen. Er ist so schön tief, und auch die Dimensionen des Instruments finde ich beeindruckend. Alle anderen haben zu der Zeit in der Schule Blockflöte gespielt, aber das wollte ich nicht. Das Alphorn war einfach viel cooler, etwas ganz anderes, etwas Faszinierendes. Zudem hörte mein Vater viel Miles Davis, so kam ich schon früh in Kontakt mit Jazzmusik. Ich hatte dann Unterricht bei Hans-Jürg Sommer, quasi der Alphornpapst in der Szene. Obwohl er eher klassisch orientiert ist, komponierte er damals für mich ein Blues-Stück fürs Alphorn. So entwickelte sich alles.

Dann war also schnell klar, dass du ein Musikstar wirst?

Nein, gar nicht. Das glaubt man jetzt vielleicht nicht, aber daran hatte ich nie gedacht. Vielmehr wollte ich auf einer schönen Insel hinter der Bar stehen. Ich habe es einfach so genommen, wie es kam. Dadurch ist meine Karriere sehr natürlich gewachsen.

Dann habe ich erst recht High Heels angezogen.

War das mutig, mit solch einem ehrwürdigen Instrument neue Wege zu gehen?

Ja, sehr sogar. Als Teenager wurde ich oft ausgelacht, Alphorn spielen war für viele sehr uncool. Da braucht es schon einen grossen Willen und viel Energie, dass man es durchzieht. Ich hatte aber ein starkes Umfeld, auch mit meinen Musiklehrern und der ersten Schulband, die mich unterstützt haben. Von aussen gab es nonstop Kritik. Viele empfanden es als Frechheit, mit dem Nationalinstrument so umzugehen. Man müsse gewisse Töne spielen, Tracht tragen und im Alphornverein sein. Dann habe ich erst recht High Heels angezogen.

Künstler reden gerne von Inspiration. Muss man als Musiker dennoch auch diszipliniert am Schreibtisch sitzen?

Für die Musik nicht, aber ein paar Stunden am Tag verbringe ich schon am Schreibtisch mit administrativen und organisatorischen Aufgaben. Inspiration hole ich mir beim Reisen. Nächste Woche spiele ich in Amman, im Nahen Osten. Da wird es Jam-Sessions mit lokalen Künstlern geben. So entstehen wieder neue Eindrücke. Besonders in Erinnerung ist mir das Konzert 2011 in Aleppo geblieben. Ein wirklich magischer Moment, der immer wieder inspiriert. Ich möchte überall komplett eintauchen – in das Umfeld, in die Kultur, in das Land. Dann kommen die Ideen. Manchmal aber auch wenn man im Auto Radio hört.

Woher kommt die Leidenschaft für diesen traditionellen, interkulturellen Sound?

World Music berührt mich einfach. Egal, ob arabisch, afrikanisch, indisch oder andere Einflüsse… Es sind natürliche, reine, selbstverständliche Töne. Mich interessiert dabei nicht nur die Musik, sondern der ganze Hintergrund, die Philosophie oder Lebenseinstellung. Daher mache ich jeden Morgen um 6 Uhr Yoga. Ich liebe den natürlichen Rhythmus und versuche, danach zu leben. Das habe ich sicher von zu Hause mitbekommen. Ich bin sehr naturverbunden mit vielen Tieren aufgewachsen, habe mit meinen Schwestern immer draussen gespielt und nie ferngesehen.

Hört sich toll an, aber auch ungewöhnlich…

Ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich superungewöhnlich bin. Aber es stimmt schon – das, was ich mache, gibt es nicht so oft. Wenn ich ein Konzert absagen müsste, könnte ich keinen Ersatz schicken. Es gibt einfach keinen… (lacht). Es braucht einen starken Charakter, natürlich auch Talent, aber vor allem sehr viel Disziplin. Man muss sich selbst verkaufen, vermarkten und «networken». Mittlerweile lebe ich seit 17 Jahren von der Musik. Das ist schon eine lange Zeit.

Es ist okay, wenn man etwas ausgeflippt ist.

Und es läuft gut – was sind deine weiteren Ziele?

Mir ist wichtig, dass ich mich immer weiterentwickle. Auch in anderen Bereichen. Daher habe ich eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht und engagiere mich in der Hochgebirgsklinik Davos mit einer Musiktherapie für Kinder, die an Lungenkrankheiten leiden. Das Leben ist vielseitig. Es wäre schade, wenn man sich nur auf wenige Dinge konzentrieren würde.

Du bist Künstlerin durch und durch, ein Star am Alphorn und weltweit bekannt. Aber du hast keinen Titel in den Charts. Ärgert dich die Mainstream-Musik?

Nein, überhaupt nicht. In das Pop-Business wollte ich nie. Diese Musik gibt mir nichts. Ich hatte zwar Möglichkeiten, die natürlich verlockend gewesen wären. Ich bin froh, dass ich meine Nische gefunden habe. Man muss aber auch ehrlich sein. Wenn man seinen Hit am Radio hört, ist das sicher ein schönes Gefühl.

Also hättest du gerne einen?

Ich sage niemals nie, aber die Musik muss stimmen. Ich würde nichts machen, was mir nicht gefällt. Ich will authentisch bleiben. Das bewundere ich grundsätzlich bei Menschen, die genau das tun, was sie sind, und ihren Stil verfolgen.

Du hast schon vor längerer Zeit bei einem grossen bekannten Label in den USA unterschrieben. Hat man somit alles geschafft?

Zunächst mal habe ich mich wahnsinnig gefreut. Und vor allem sehe ich es als Bestätigung für den eigenen Weg und das eigene Schaffen. Es zeigt, dass es okay ist, wenn man etwas ausgeflippt ist. Das macht mich stolz. In der Schweiz glauben viele, ich wäre einfach Alphorn- Spielerin. Dabei ist es so viel mehr. Ich bin sehr ehrgeizig. Daher ist es mir wichtig, dass man meinen Namen im Musik-Business kennt. Wenn man diesen Ehrgeiz nicht hat, dann kommt man nicht weit.

Die Bühne ist also für dich der schönste Ort?

Wenn ich auf der Bühne stehe, tauche ich voll und ganz in meine Musik ein. Angeblich hat ein Mensch am Tag rund 60 000 Gedanken. Aber in diesem Augenblick vergisst du alles um dich rum. Ein Freund hat mal gesagt, man solle auf der Bühne nicht nervös sein. Sonst könne man den Moment gar nicht geniessen. Und das tue ich mit ganzem Herzen. Gerade wenn das Konzert zu Ende ist, fühlt man sich voller Energie.

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